tirsdag 13. september 2016

Positive Psychologie: Zivilcourage, soziale Verantwortung, Fairness, Optimismus, Vertrauen

Positive Psychologie: Zivilcourage, soziale Verantwortung, Fairness, Optimismus, Vertrauen

Zivilcourage

  • was ist Zivilcourage?
    • Zivilcourage gehört in die Gruppe der prosozialen Verhaltensweisen
    • prosoziale Verhaltensweisen sind Handlungen, die das Ziel haben einem oder mehreren Menschen etwas Gutes zu tun
    • Verhalten ist nur dann als prosozial zu bezeichnen, wenn der Akteur freiwillig handelt und nicht im Rahmen von dienstlichen Verpflichtungen
    • Zivilcourage = ein von Ablehnung begleitetes mutiges Verhalten, das dazu beiträgt, gesellschaftlich-ethische Normen ohne Rücksicht auf eigene soziale Kosten durchzusetzen
      • Öffentlichkeitsaspekt
      • Inkaufnahme bzw. Risiko negativer Konsequenzen
      • prosoziales Verhalten zugunsten schwächerer Dritter
    • in einer Zivilcourage-Situation liegt oft ein Machtungleichgewicht zu Ungunsten der Person, die zivilcouragiert handelt, vor
    • Situationen in denen Zivilcourage gezeigt wird, zeichnen sich meist durch eine spezifische soziale Konstellation aus → es gibt ein oder mehrere Opfer und einen oder mehrere Täter
    • Unterschied zwischen Hilfeverhalten und Zivilcourage → bei gezeigtem Hilfeverhalten, erntet der Helfer Lob und Anerkennung, bei Zivilcourage drohen gegebenenfalls Beschimpfung, Ausgrenzung und körperliche Verletzung
    • die klassischen hemmenden Faktoren, die einen Einfluss auf das Hilfeverhalten haben, haben nur einen sehr geringen Einfluss auf Zivilcourage
    • Determinanten von Zivilcourage
      • Selbstsicherheit → beeinflusst die Schwierigkeitseinschätzung der Situation
      • Empathie
      • innerethische Kontakte
      • soziale Dominanzorientierung → wenig SDO hat positiven Einfluss auf Zivilcourage
      • moralische Vorstellungen
      • Übernahme von Verantwortung
      • Nähe zum Problem
      • soziale Kompetenz
      • Merkmale der Situation
    • Zivilcourage-Situationen führen zu höherer empathischer Erregung als eine (ungefährliche) Hilfesituation
  • Zivilcouragetrainings
    • Zivilcourage ist lern- und trainierbar
    • in Trainings sollen Verhaltensroutinen erlernt werden, um ein adäquates Reagieren wahrscheinlicher zu machen
    • die Teilnehmer sollen in Rollenspielen lernen und üben, andere (passive) Bystander zu einer Mithilfe zu aktivieren weil es oft unvernünftig und gefährlich ist allein in einer Zivilcourage- / Notsituation zu reagieren
    • analog einem Erste-Hilfe-Kurs werden praktisches Wissen und Verhaltenskompetenzen erlernt und trainiert
    • die Erweiterung von Wissen und Handlungskompetenzen erhöht die Sicherheit und damit auch die Verantwortlichkeit und Bereitschaft zu helfen, wenn Notsituationen erkannt werden

soziale Verantwortung

  • Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik → es ist notwendig die richtige Gesinnung zu haben, aber Gesinnung allein reicht nicht aus
  • Gegenüberstellung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik → man fühlt sich verantwortlich für sein Handeln und sein Nicht-Handeln
  • entsprechend der Verantwortungsphilosophie sind Menschen die einzigen Wesen, die zu Verantwortung fähig sind
  • der Begriff der Verantwortung in der Psychologie
    • zwei Bedeutungen von Verantwortung:
      • Verantwortung für andere → bezieht sich auf die spezifische Sorge um deren finanzielles und gesundheitliches Wohlergehen, deren Ausbildung und Sicherheit, sowie auf das allgemeine Interesse und die Beteiligung an Belangen der Gemeinschaft
      • Verantwortung für das eigene Handeln → bezieht sich auf politische Verantwortung für Fehlentscheidungen, die finanzielle Verantwortung für die eigene Versorgung, die Vermeidung unnötiger Risiken für sich selbst und andere
    • Zuschreibung von Verantwortung auf Personen
      • die Attribution auf die Person verringert sich mit dem Ansteigen der Attribution auf die Umwelt
      • Menschen fühlen sich schon dann verantwortlich wenn nur ein Minimum an Ursächlichkeit interpretiert werden kann
      • 5 Stufen:
      1. die Person hat im weitesten Sinne etwas mit dem Ereignis zu tun
      2. die Person hat das Ereignis ursächlich bewirkt
      3. die Person hätte Mittel gehabt, ein Ereignis zu beeinflussen → moralische Verantwortung für das Ereignis
      4. der Person wird nur Verantwortung zugeschrieben wenn sie das Ereignis auch beabsichtigte
      5. die Verantwortung wird zwar bei der Person gesehen, aber die Entwicklung der Eigenschaften, welche bei der Person die Verantwortung für das Ereignis verursachten, werden als außerhalb der Kontrolle der Person gesehen
  • Verantwortung und Hilfeverhalten
    • Verantwortung geht mit Empathie und Empfinden von Schuld einher → stehen in positivem Zusammenhang mit künftigem prosozialem Verhalten
    • damit Verantwortung gezeigt wird ist es notwendig, dass Empathie / Mitgefühl vorhanden ist
    • man muss die Situation als Notlage erkennen und man muss über Wissen und Handlungskompetenzen verfügen, was zu tun ist
    • Bystander-Effekt → warum wird oft keine Verantwortung gezeigt? → Grund für das Nicht-Eingreifen ist in vielen Fällen die Diffusion der Verantwortung
    • Verantwortungsdiffusion → je mehr Personen anwesend sind, desto weniger fühlt sich der einzelne verantwortlich in einer Notsituation einzugreifen → Verantwortung wird den anderen Anwesenden zugeschoben
    • Faktoren, die die Übernahme von Verantwortung begünstigen:
      • Verhaltensvorbilder und Normen
      • Wahrnehmung der Situation → Hilfsbereitschaft ist geringer wenn die Notlage selbst verursacht wurde als wenn man für die unglückliche Lage nicht verantwortlich ist
      • Wahrnehmung der eigenen Handlungskompetenzen → es ist wichtig zu wissen was zu tun ist
      • Identifikation mit der verantwortlichen Gruppe → identifiziert man sich selbst mit der Gruppe, die Verantwortung übernimmt, ist man eher bereit selbst verantwortliches Verhalten zu zeigen
      • Identifikation mit der betroffenen Gruppen → identifiziert man sich stark mit der Gruppe, die betroffen ist, ist die Bereitschaft zu helfen größer

Fairness

  • Fairness ist wichtig für Menschen → positive Reaktionen auf faire, negative Reaktionen auf unfaire Behandlung
  • wahrgenommene Unfairness führt zu Reaktionen wie Ärger, Wut, Hilflosigkeit, emotionalem Rückzug, Kündigungsabsichten, Fehlzeiten, Diebstahl, Stress, Unpünktlichkeit, Widerstand gegen Veränderungen, Sabotage, Aggression, Rache, Vergeltungsmaßnahmen → eigene Nachteile werden bewusst in Kauf genommen (z.b. Ausschluss aus der Gruppe, Kündigung) um subjektiv einen Ausgleich für die erlittene Ungerechtigkeit wiederherzustellen, in Unternehmen können die daraus entstandenen ökonomischen Schäden beträchtlich sein
  • Distributive Fairness
    • Verteilung von Gütern / Verteilungsfairness / Ergebnisfairness
    • faire Verteilung liegt vor, wenn die Ergebnisse unter Berücksichtigung bestimmter Regeln zustande kommen → Equity-Model → Verhältnis des eigenen Inputs zum Output entspricht dem was relevante Bezugspersonen für ihre Leistung erhalten
    • Prinzipien fairer Ressourcenverteilung:
      • Leistung → equity, bevorzugt in kooperativen Beziehungen ökonomischer Produktivität
      • Gleichheit → equality, bei der Aufrechterhaltung angenehmer sozialer Beziehungen
      • Bedürftigkeit → need, bei kooperativen Beziehungen der persönlichen Entwicklung oder des persönlichen Wohlergehens
  • prozedurale Fairness
    • Verfahrensfairness / Prozesse, die zu den Ergebnissen führen
    • Möglichkeit den Entscheidungsprozess (Prozesskontrolle) oder die Entscheidung selbst (Entscheidungskontrolle) zu beeinflussen
    • liegt die Entscheidungskontrolle bei einer Autorität, sind für die Betroffenen die Bedingungen der Prozesskontrolle besonders wichtig
    • Menschen sind besonders dann bereit eine Entscheidung durch eine Autorität zu akzeptieren und als fair anzusehen, wenn sie Einfluss auf den Entscheidungsprozess haben → Menschen sind nicht nur am reinen Ergebnis einer Entscheidung interessiert, sondern auch daran wie diese zustande kommt
    • Bedingungen prozeduraler Fairness:
      • personelle und zeitliche Konsistenz → verwendete regeln und Entscheidungsprozesse werden auf alle Personen und die gesamte Dauer gleich angewendet
      • Unvoreingenommenheit / Neutralität → Entscheidung wird nicht durch persönliches Interesse oder Voreingenommenheit beeinflusst
      • Akkuratheit → akkurate / genaue Informationen werden gesammelt und angemessen berücksichtigt
      • Korrigierbarkeit → fehlerhafte / unangemessene Entscheidung kann geändert werden
      • Moral / Ethik → persönliche Wertvorstellungen der Betroffenen, fundamentale moralische / ethische Werte werden berücksichtigt
      • Repräsentativität → Bedürfnisse / Meinungen aller betroffenen Parteien werden berücksichtigt
      • Voice → Möglichkeit, die eigene Meinung kundzutun
  • informationale und interpersonale Fairness
    • informationale Fairness → Qualität und Quantität der Informationen, die den Betroffenen über das Vorgehen gegeben werden
    • interpersonale Fairness → respektvoller, freundlicher, würdervoller Umgang mit den Betroffenen durch den Entscheidungsträger, empathische Kommunikation
  • warum ist Fairness wichtig?
    • Instrumentelles Modell
      • Menschen wollen ihre eigenen Ergebnisse optimieren (Selbstinteresse) → bevorzugen faire Bedingungen weil diese ihnen langfristige Einfluss, Berücksichtigung ihrer Interessen und damit günstige Ergebnisse garantieren
    • relationales Modell
      • Menschen sind bestrebt, ein positives Selbstbild zu erlangen → identifizieren sich mit sozialen Einheiten, weil dies bei der Definition ihres Selbst hilft
      • Beziehungen von Menschen zu den sozialen Einheiten ist von dem Bemühen beeinflusst, positive selbstrelevante Informationen zu erhalten
      • Fairness vermittelt Menschen selbstrelevante Informationen darüber in welchem Ausmaß sie als Mitglied einer Gruppe / Organisation / Autorität wertgeschätzt werden
    • faire Bedingungen sind eine wichtiger situationaler Einflussfaktor → durch die Etablierung von Fairnessbedingungen werden mit relativ geringen Kosten starke positive Effekte erzielt

Optimismus

  • Optimismus = Geisteshaltung die sich dadurch auszeichnet auch in schwierigen Situationen Positives zu sehen und generell eine gute Erwartung für die Zukunft zu haben
  • Positive Illusionen dienen der Anpassung an Umweltanforderungen → positive Auswirkungen auf psychische Gesundheit, Motivation, Verarbeitung, relevanter Gesundheitsinformationen, Bewältigung kritischer Lebensereignisse
  • aus evolutionspychologischer Sicht hat Optimismus einen Anpassungsvorteil, indem lähmende Angst vor negativen Ereignissen in der Zukunft reduziert wird
  • Personen mit positiven Erwartungen haben eine höhere Motivation ihre Ziele zu verfolgen, bessere Bewältigungsstrategien bei Problemen und mehr Ausdauer bei lösbaren und unlösbaren Aufgaben
  • Optimismus besteht nicht in blinder Ausdauer an unlösbaren Aufgaben, sondern hilft dabei sich von unproduktiven Situationen weiter zu bewegen
  • Optimismus und Gesundheit
    • Optimismus wirkt auf das Immunsystem
    • Optimismus unterdrückt in schwierigen Situationen Immunreaktionen → kostet den Körper viel Energie → nicht nur positive Auswirkungen auf den Organismus
    • gehen Menschen von zu einem starken unrealistischen Optimismus aus → unterschätzen Risiken, versäumen Vorsorge → unrealistischer Optimismus → nachteilig
    • bei unrealistischem Optimismus findet keine Unterscheidung zwischen kleinen und lebensbedrohlichen Risiken statt → Personen einer Risikogruppe empfinden das Risiko für sie persönlich geringer als für andere Personen ihrer Risikogruppe
  • kann man Optimismus lernen?
    • Im Sinne von sich selbst-erfüllenden-Prophezeiungen kann man davon ausgehen, adss positive Erwartungen eher zu positiven Ergebnissen führen
    • Optimismus ist lernbar im Hinblick auf die Verbesserungen, die sich aus diesem Lernen für das Leben von Menschen ergeben → Aufgabe der positiven Psychologie liegt im Bereich der Prävention, Frühförderung, Therapie, Intervention

Vertrauen

  • Vertrauen als Grundlage für die soziale Ordnung → hat gemeinhin positive Konsequenzen für soziale Interaktionen
  • Vertrauen als wichtige Voraussetzung für Kooperation und als Basis für die Stabilität von sozialen Institutionen wie Märkten
  • Vertrauen = soziales Schmieröl
  • Definition von Vertrauen:
    • Vertrauen als die Erwartung eines positiven Ausgangs einer Situation, auch ohne das Gegenüber zu kontrollieren
    • Vertrauen dient der Reduzierung der Komplexität in der Realität
  • Stufen der Entstehung von Vertrauen:
    1. Stufe des kalkulationsbasierten Vertrauens → Reziprozität wird durch eine Kosten-Nutzen-Kalkulation abgesichert
    2. Stufe des wissensbasierten Vertrauens → die positiven Eigenschaften der Person sind bekannt
    3. Stufe des identitätsbasierten Vertrauens → Ziele und Werte des Partners decken sich mit den eigenen
  • Psychologische Grundlagen des Vertrauens
    • Vertrauen hat eine kognitive und eine affektive Komponente
    • kognitive Komponente → beinhaltet die Informationen, die man über die Vertrauenswürdigkeit seines Gegenübers hat
    • affektive Komponente → bezieht sich auf die positive Einstellung in Hinblick auf das Gegenüber und die emotionale Bindung
    • Verhaltenskomponente → steht in Zusammenhang mit dem Ausmaß an Handlungskontrolle auf das man bei Vertrauen verzichtet
  • Vertrauen vs. Misstrauen
    • Vertrauen dient dazu Komplexität und Unsicherheit zu reduzieren indem negative Erwartungen ausgeschlossen werden
    • Misstrauen dient demselben Zweck auf dem Wege des Ausschlusses von positiven Erwartungen
    • Misstrauen ist vor allem mit negativen Folgen verbunden, besonders wenn es chronisch ist oder länger andauert → führt zu erhöhter kognitiver Belastung
    • die Person mit einem höheren Vertrauen ist die sozial intelligentere im Gegensatz zu der Person mit hohem Misstrauen → hohe Vetrauensbereitschaft geht einher mit Offenheit für neue Erfahrungen, die misstrauischen Personen entgehen
  • Bedingungen des personellen Vertrauens
    • Aufbau von Vertrauen in interpersonellen Beziehungen oft als stufenweise aufgebaut dargestellt
    • aber auch ohne längere gemeinsame Geschichte kann es hohes Vertrauen geben → verantwortlich dafür vermutlich heuristische Prozesse der Vertrauensübertragung → z.b. Wahrnehmung von Ähnlichkeit, Informationen durch Dritte, Übertragung allgemeinen Kategorienwissens auf unbekannte Mitglieder der betreffenden Katgeorie
    • Vertrauensbeziehung muss in der Regel erarbeitet werden → durch bewussten Verzicht auf Kontrolle und Reziprozität der entgegengebrachten Kooperation
    • Vertrauen erzeugt großen Nutzen indem es kognitive Ressourcen sichert, Verhandlungsanforderungen verringert und die Entscheidungsfindung erleichtert
    • Vertrauen und Fairness → ist keine Information über Vertrauenswürdigkeit gegeben, ist Information zu prozeduraler Fairness von hoher Bedeutung, liegen Informationen über Vertrauenswürdigkeit des Interaktionspartners vor, hat das Ausmaß an Fairness wenig / keinen Einfluss
    • Vertrauen und wahrgenommene prozedurale Fairness korrelieren miteinander (r>.60), Vertrauen und distributive Fairness korrelieren mittel miteinander (r>.40)
    • wenn nicht klar ist, ob man vertrauen kann, werden Situationen stärker auf Fairness untersucht, als wenn das Vertrauen schon etabliert ist
  • Vertrauen im Organisationskontext
    • Arbeit in Organisationen geschieht prinzipiell in Netzwerken sozialer Beziehungen mit hoher Komplexität → gegenseitiges Vertrauen ist von großer Relevanz
    • intraorganisationales Vertrauen → man ist Teil der Organisation → affektives Vertrauen korreliert hoch mit positiven unterstützenden Verhaltensweisen der Manager
    • extraorganisationales Vetrauen → man ist Kunde der Organisation → systembezogenem Vertrauen kommt eine hohe Bedeutung zu
    • Systemmerkmale des Organisationsvertrauens → Informationsweitergabe und Partizipation bei der Entscheidungsfindung, Regeln der Leistungsbewertung / Leistungskontrolle → Qualität der Führung, Umsetzung verschiedener Fairnessarten
    • Vertrauen in Konflikten → Vertrauen spielt eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, ob zur Bearbeitung eines Konflikts die konstruktive Route des integrativen Problemlösens eingeschlagen wird

Positive Psychologie: Glück, prosoziales Verhalten, Verzeihen, Solidarität, Bindung, Freundschaft

Positive Psychologie: Glück, prosoziales Verhalten, Verzeihen, Solidarität, Bindung, Freundschaft

  • positive Psychologie ist ein Oberbegriff für das wissenschaftliche Studium aller psychologischen Prozesse, die dazu beitragen, das Leben lebenswert zu machen und die Lebensqualität zu steigern → auf menschliche Stärken bauen und sie fördern
  • Positives ist nicht allein die Abwesenheit von Negativem
  • Ziel der positiven Psychologie → strebt eine balancierte, umfassende Sichtweise des menschlichen Erlebens und Verhaltens an
  • zentrale Themen der positiven Psychologie: Glück, Freude, Genuss, Gerechtigkeit, Fairness, Optimismus, Bindung, Freundschaft, Verzeihen, prosoziales Verhalten, Solidarität, Zivilcourage, die Förderung und die Realisierung von positiven individuellen Eigenschaften wie Charakterstärken, Werten, Talenten
     
    Was ist Glück?

    • Drei Formen des Glücks:
      • kurzfristiges Vergnügen
      • Eudämonie
      • Engagement / Flow
      tragen zur allgemeinen Lebenszufriedenheit bei
    • Flow Erleben – Kennzeichen
      • die Zeit vergeht schnell und unbemerkt
      • der Aufmerksamkeitsfokus liegt auf der Tätigkeit selbst, das Umfeld wird kaum wahrgenommen
      • das Selbstverständnis als sozialer Akteur ist vorübergehend ausgeschaltet
      • die Nachwirkungen des Flow-Erlebnis sind bestärkend und belebend
      • im Moment des Flow-Erlebnisses ist dieses unemotional und unbewusst, Vergnügen im eigentlichen Sinne entsteht erst danach
    • ein Flow-Erlebnis tritt in Situationen auf, in denen ein Gleichgewicht zwischen Fähigkeiten und Anforderungen besteht
    • häufige Flow-Erlebnisse können die psychologischen Ressourcen einer Person stärken → positive Folgen sind mehr Kreativität und bessere Gesundheit
    • die broaden-and-build-Theorie
      • Theorie der positiven Emotionen
      • Glück als Ursache für ein gutes Leben
      • Annahme dass positive Emotionen das menschliche Denken und Handeln erweitern → neue Denkrichtungen und Handlungsstrategien werden entdeckt
      • als Folge davon werden neue individuelle Ressourcen aufgebaut, die sich auf unterschiedliche Leistungs- und Lebensbereiche beziehen
      • negative Emotionen wie Angst oder Ärger haben eine überlebensdienliche Funktion → verengen die Wahrnehmung, Denken und Verhalten auf die Bewältigung einer unmittelbaren Bedrohung oder einer Aufgabe die dringend zu lösen ist
      • positive Emotionen erweitern das Erlebens-, Denk- und Verhaltensrepertoire und vergrößern somit den Horizont der Möglichkeiten
      • positive Emotionen stehen in Verbindung mit größerer Aufmerksamkeitsspanne, besserem Arbeitsgedächtnis, guter Wortflüssigkeit und Offenheit für Informationen → können zu einer konstruktiven Problembewältigung beitragen
      • das Erleben positiver Emotionen leitet eine Aufwärtsspirale ein → erhöhen die Wahrscheinlichkeit weiterer positiver Emotionen in der Zukunft, tragen zum Finden des Lebenssinns bei
      • aus der Relation positiver und negativer Emotionen lässt sich ein Positivitätsindex berechnen
      • positives soziales Agieren umfasst das Erleben von bedeutungsvoller Kohärenz, das Gefühl sozialer Akzeptanz und die Einbeziehung in die Gruppe durch soziale Integration
      • je höher der Positivitätsindex der Emotionen ausfällt umso besser
      • der stabile Zusammenhang zwischen Glück und Erfolg beruht auf zwei Mechanismen:
        • Erfolg macht Menschen glücklicher
        • Glück fördert das auftreten von Erfolgen
    • Charakterstärken als Kerntugenden des Menschen
      • Charakterstärken = positive Eigenschaften
      Klassifikation von Charakterstärken
        • Weisheit und Wissen
          • Kreativität
          • Neugier
          • Aufgeschlossenheit
          • Liebe zum Lernen
          • Perspektive / Weisheit
        • Mut
          • Tapferkeit
          • Beharrlichkeit
          • Integrität
          • Vitalität
        • Humanität
          • Liebe
          • Freundlichkeit
          • soziale Intelligenz
        • Gerechtigkeit
          • Citizenship
          • Fairness
          • Führung
        • Mäßigung
          • Verzeihen
          • Bescheidenheit
          • Besonnheit
          • Selbstregulation
        • Transzendenz
          • Anerkennung von Schönheit und Exzellenz
          • Dankbarkeit
          • Hoffnung
          • Humor
          • Spiritualität

    prosoziales Verhalten

    • altruistisches Verhalten unterscheidet sich von egoistischem Verhalten durch die zugrunde liegende Motivation
    • der Kulturvergleich zeigt große nationale Unterschiede im Ausmaß prosozialen Verhaltens → in Städten, in denen der Wohlstand geringer ist, wird mehr geholfen, in Lädern in denen der Individualismus höher ist, wird weniger Hilfe geleistet, in Ländern in denen der Geist von Simpatía vorherrscht (spanisch-sprachige Länder) wird eine höhere Hilfsbereitschaft beobachtet (Simpatía gekennzeichnet durch nette und freundliche Sozialkontakte)
    • der Prozentsatz ehrenamtlich Tätiger belegt die Verbreitung prosozialen Verhaltens in der Gesellschaft

    Interpersonelles Verzeihen

    • Verzeihen fällt unter die Charakterstärken, denn man kann von einer dispositionalen Bereitschaft zum Verzeihen ausgehen aber auch Kontexteinflüsse sind zu beachten
    • zwei-Komponenten-Ansatz
      • beinhaltet die Trennung zwischen zwei grundlegenden negativen Tendenzen des Opfers nach einem Vergehen des Täters
        • Vergeltung wegen berechtigter Empörung anstreben
        • Vermeidung wegen Gefühlen der Verletzung herstellen
      • beide Tendenzen werden durch den Prozess des Verzeihens aufgehoben, wobei das Wohlwollen gegenüber dem Partner eine wichtige Rolle spielt
    • Empathie-Verzeihens-Hypothese
      • Empathie ist die entscheidende förderliche Bedingung dafür dass die primären Tendenzen zu Vergeltung und Vermeidung überwunden werden
      • dafür ist wichtig, dass sich der Täter für sein Fehlverhalten entschuldigt
      • Entschuldigung erhöht die Empathie mit dem Täter
    • Determinanten des Verzeihens
      • vier Determinanten beeinflussen das Verzeihen
        • sozial-kognitive Faktoren
        • Eigenschaften des Vergehens selbst
        • Beziehungsqualität
        • Persönlichkeitseigenschaften, kognitive Prozesse
      • sozial-kognitive Determinanten
        • Empathie hat zentrale Rolle inne
        • eine verletzte Person, die hohe Empathiefähigkeit besitzt, stellt sich leichter vor, wie sehr es dem anderen Leid tut, dass es zu dem Vergehen gekommen ist und wie aufrichtig die Schuldgefühle des anderen sind
      • Eigenschaften des Vergehens
        • beeinflussen die Größe des wahrgenommenen Schadens
        • Vergehen, die als schwerer eingeschätzt werden, werden weniger leicht verziehen
        • Entschuldigung und Reue des Täters erleichtern es der verletzten Person, einen Prozess des Verzeihens in Gang zu setzen → wichtig dass die Entschuldigung aufrichtig ist und nicht nur eine leere Floskel darstellt
      • Beziehungsqualität
        • relevante Merkmale sind Zufriedenheit, Nähe und Commitment
        • durch Commitment wird ein größeres Wohlwollen des Opfers gegenüber dem Täter hervorgerufen
      • Persönlichkeitseigenschaften
        • Faktor Verträglichkeit spielt entscheidende Rolle
        • je verträglicher eine Person ist, umso leichter verzeiht sie
    • Verzeihen als Ausdruck einer positiven Beziehungsgestaltung
      • Verzeihen als Transformation des Wunsches nach Rache und Vermeidung in eine prosoziale Motivation
      • Verzeihen ist Ausdruck einer positiven Beziehungsgestaltung, denn es trägt dazu bei, dass negative interpersonelle Vorfälle die die soziale Beziehung belasten in ihren negativen Folgen abgemildert werden
      • Verzeihen trägt dazu bei, dass eine negative interpersonale Eskalation vermieden wird
      • Wahrscheinlichkeit des Verzeihens hängt von der Zufriedenheit in der Partnerschaft und den Attributionen Wohlwollen und Güte ab
      • wohlwollende Ursachenzuschreibung beinhaltet Faktoren, die nicht die Person des Partners betreffen, die weniger stabil sind und weniger Bereiche betreffen
      • gütige Verantwortungszuschreibung beinhaltet weniger Unterstellungen einer negativen Absicht, weniger Betonung von Selbstsüchtigkeit, weniger Verdammung des Partners
      • wohlwollende Ursachenzuschreibung und gütige Verantwortungszuschreibung, die bei hoher Ehezufriedenheit wahrscheinlicher sind, hängen mit mehr Empathie und weniger negativen Gefühlen zusammen
      • interpersonelles Verzeihen kann das psychologische Wohlbefinden erhöhen
      • Verzeihen ist eine interpersonelle Strategie, die das Wohlbefinden des Opfers eines Vergehens erhöht und die sich außerdem positiv auf das Wohlbefinden des Täters auswirkt

    Solidarität

    • Solidarität bezeichnet das Eintreten für andere zum Zweck gegenseitiger Unterstützung, das auf Werten und Idealen beruht
    • Unterscheidung von:
      • mechanische Solidarität → beruht auf Ähnlichkeit und Gemeinsamkeit
      • organische Solidarität → beruht auf Arbeitsteilung
      • instinktive Solidarität → ist auf Familie und Freunde begrenzt
      • offene Solidarität → bezieht sich auf die gesamte Menschheit
      • Solidarität mit Benachteiligten
      • Solidarität bei gemeinsamen Interessen
      weiter und enger gefasste Solidarität lässt sich identifizieren
    • Solidarität wird durch existenzielle Schuldgefühle beeinflusst
    • Solidarität ist für die Reaktion auf die weit verbreitete Benachteiligung in der Gesellschaft von Bedeutung, hat einen hohen Stellenwert für das friedliche Zusammenleben der Völker und hängt mit Freiwilligenarbeit und Zivilcourage zusammen

    Bindung

    • stellt eine relativ dauerhafte emotionale Orientierung an einer anderen Person dar
    • 4 Aspekte:
      • Nähe einer anderen Person suchen
      • unter der Trennung von der Person leiden
      • sich bei der Rückkehr der Person freuen
      • sich an der Person auch dann orientieren, wenn diese Person nicht unmittelbar anwesend ist
    • Bindungsverhalten basiert auf einem angeborenen Motivsystem → Zweck des Schutzes des Kleinkindes vor Gefahren und Bedrohungen aus der Umwelt → Bindung an Bezugsperson hat eine große Bedeutung für die Sicherung des Überlebens des Kindes in einer bedrohlichen Umwelt
    • drei Bindungsstile:
      • sichere Bindung
        • großes Vertrauen, gute Kommunikation zwischen Mutter und Kind
        • ist die beste Voraussetzung für Spiel, Exploration der Umwelt und Gesellung
      • ängstlich-ambivalente Bindung
        • Kind verunsichert
        • schwankt zwischen Anschluss an Mutter und Zurückweisung
        • hohe Ängstlichkeit
      • vermeidende Bindung
        • Kind hat emotionale Distanz zur Mutter
        • defensiver Bindungsstil
        • Unterdrückung und Verdrängung von unangenehmen Gedanken, Selbstidealisierung bei der unerwünschte Aspekte des Selbst abgespalten werden
    • Bindungsverhalten wird in Stresssituation deutlich
    • internales Arbeitsmodell
      • kognitives System zur Anpassung an die Umwelt, das durch Sicherheits- und Unsicherheitserfahrungen beim Kleinkind mit seinen Bezugspersonen im ersten Lebensjahr geprägt ist → spiegelt sich in kindlichen Handlungsplänen wider
      • trägt dazu bei dass Kinder mehr und mehr von der Bezugsperson unabhängig werden
    • Verteilung der drei Bindungsstile → ängstlich ambivalent am seltensten, sichere Bindung am häufigsten
    • Entwicklung des individuellen Bindungsstils
      • genetische Einflüsse spielen bei Bindungsstilen kaum eine Rolle, ausschlaggebend ist die gemeinsame und spezielle Umwelt der Kleinkinder
      • die Entwicklung des kindlichen Bindungsstils wird maßgeblich durch die Feinfühligkeit der Bezugsperson geprägt
      • Interventionsprogramme können sich förderlich auf die Feinfühligkeit der Bezugsperson auswirken → wirken aber nur schwach auf die Entwicklung einer sicheren Bindung des Kindes
      • mehrere andere Merkmale der Mutter-Kind-Interaktion, die sich auf die Entwicklung des Bindungsmusters auswirken:
        • Gegenseitigkeit und Austausch zwischen Mutter und Kleinkind
        • Stimulation und Ermutigung im Sinne von Beachtung und Aufmerksamkeit der Mutter gegenüber dem Kind
        • eine positive Einstellung im Sinne von Wärme und Mitgefühl
        • emotionale Unterstützung des Kindes durch die Mutter
        überschneiden sich mit Feinfühligkeit, beinhalten aber auch Aspekte, die nicht durch Feinfühligkeit repräsentiert sind
    • Rolle der Bindung im Erwachsenenalter
      • zwei Dimensionen von Bindung:
        • Bindungsangst → starke gedankliche Beschäftigung mit dem Partner
        • Bindungsvermeidung → Selbstgenügsamkeit, geringe Suche nach Nähe
      • 2x2 Schema der Bindungsstile
        • positives Selbstbild / positives Fremdbild → sicher gebunden
        • positives Selbstbild / negatives Fremdbild → gleichgültig-vermeidend gebunden
        • negatives Selbstbild / positives Fremdbild → ängstlich-ambivalent gebunden
        • negatives Selbstbild / negatives Fremdbild → ängstlich-vermeidend gebunden


    Freundschaft

    • Freundschaft bezeichnet eine informelle soziale Zweierbeziehung, die sich durch Freiwilligkeit, Gegenseitigkeit und das Überwiegen positiver Emotionen auszeichnet
    • in Freundschaften wird Solidarität, Nähe, Vertrauen und Authentizität erlebt
    • Freundschaft beinhaltet eine vielfältige Kommunikation, kann zur Entwicklung von Selbst-Identität in der Lebensgeschichte beitragen
    • Frauenfreundschaften → vor allem soziale Beziehungen werden diskutiert → Erwerben sozialer Fähigkeiten
    • Männerfreundschaften → Bewältigung bestimmter Aufgaben und die Verwirklichung von Hobbys
    • zwei Reaktionsformen auf eine Bedrohung:
      • Fight-or-flight
        • von einer psychologischen Reaktion auf Stresssituationen begleitet
        • Aktivierung des sympathischen Nervensystems zur Vorbereitung einer Flucht oder eines Kampfes
      • Tend-and-befriend
        • vermehrt bei Frauen zu finden
        • interpersonale Reaktion auf Stress → Erhöhung von beschützendem und umsorgendem Verhalten (tending) und die verstärkte Suche nach Bindung an andere Personen (befriending)
      • aggressive Reaktionsmuster können gemildert werden indem Angst und Aktivierung des Nervensystems verringert werden → hat vor allem bei Frauen eine Steigerung prosozialen Verhaltens zur Folge

mandag 5. september 2016

soziale Motive: prosoziale Motivation

soziale Motive: prosoziale Motivation

Warum helfen Menschen?

  • Prosoziales Verhalten kann aufgrund verschiedener Motive entstehen → Mitgefühl, „gut-dastehen-wollen“, befolgen von Normen
  • Komponenten prosozialen Verhaltens:
    • trägt zum Wohl anderer Menschen bei
    • erfolgt intentional
    • erfolgt freiwillig
  • weitere Unterschiede zwischen prosozialem Verhalten und Altruismus → Motive für prosoziales Verhalten können positiv, negativ oder beides sein
  • altruistisches Verhalten wird als Subtyp prosozialen Verhaltens angesehen → nicht mit der Erwartung materieller oder sozialer Belohnung oder der Vermeidung von Bestrafung ausgeführt → das Wohl des Anderen steht im Vordergrund
  • die evolutionspsychologische Sichtweise
    • Prinzip der Verwandtschaftsselektion → Menschen erhöhen ihre Chancen ihre Gene weiter zu geben dadurch dass sie genetisch Verwandten zum Überleben verhelfen
    • Reziprozitätsnorm → wir helfen aus der Erwartung heraus, dass uns auch zukünftig geholfen wird
    • soziales Lernen → sozialer Einfluss wird akzeptiert, weit verbreitete Norm, dass hilfsbereites Verhalten, gutes Verhalten ist → ist Teil unseres genetischen Programms geworden
  • Kosten und Nutzen prosozialen Verhaltens
    • austauschtheoretische Analysen prosozialen Verhaltens → grundlegender Gedanke, dass wir versuchen unser Handeln so auszurichten, dass der Nutzen maximiert und die Kosten minimiert werden → wahrer Altruismus existiert nicht weil wir nur dann helfen wenn der Nutzen die Kosten übersteigt
    • Gewinn = Verbesserung der Stimmung (personal mood management), an der Freude der anderen Teilhaben, Anerkennung der Umwelt, gesteigertes Selbstwertgefühl
  • die Empathie-Altruismus-Hypothese
    • basiert auf der Unterscheidung zweier unterschiedlicher emotionaler Reaktionen auf den Kummer eines anderen Menschen → Mitgefühl (empathy) und Unbehagen (personal distress)
    • Mitgefühl = affektive Reaktion, die von der Wahrnehmung des emotionalen Zustandes eines anderen stammt und durch auf den anderen orientierte Gefühle von Betroffenheit und Bedauern charakterisiert ist
    • Unbehagen / personal distress = affektive Reaktion, die von der Wahrnehmung des emotionalen Zustandes eines anderen stammt und durch auf das Selbst orientierte, unangenehme Gefühl wie Angst, Spannung, Unwohlsein charakterisiert ist
    • Mitgefühl löst eine altruistische Motivation aus → Flucht ist keine Alternative, da die Situation dadurch nicht gelöst wird
    • Unbehagen löst Bestreben aus, dieses Unbehagen zu reduzieren → wenn möglich Flucht aus der Situation, wenn Flucht nicht möglich ist erfolgt eine Hilfeleistung
    • prosoziales Verhalten als Kontinuum dessen Pole durch altruistisch motivierte Verhaltensweisen auf der einen und egoistisch motivierte Verhaltensweisen auf der anderen Seite charakterisiert sind



Mitgefühl und prosoziales Verhalten

  • interindividuelle Unterschiede im Mitgefühl
    • Gründe können in der Situation liegen
      • Unglücklich sein der anderen Person wird nicht wahrgenommen
      • Situation wird falsch interpretiert
      • Notsituation wird zwar als solche wahrgenommen und interpretiert, die betroffene Person wird aber als selbst verantwortlich angesehen
    • zu hohe Erregung verhindert Mitgefühl
      • Disposition der Person
      • Unsicherheit darüber, welches Verhalten in der Situation angemessen ist
      • beobachtende Person ist damit beschäftigt die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu bringen → empathisches overarousal
    • Ähnlichkeit und Vertrautheit gehen mit erhöhtem Mitgefühl einher → auf individuelle und kultureller Ebene
    • Menschen sind hilfsbereiter gegenüber Mitgliedern der Eigengruppe, weniger hilfsbereit gegenüber Mitgliedern einer Fremdgruppe
    • es existieren auch stabile interindividuelle Unterschiede in der Bereitschaft mitzufühlen und zu helfen

Entwicklung prosozialen Verhaltens

  • spontanes Trösten zeigen Kinder frühestens einige Monate nach ihrem 1. Geburtstag
  • bis zum Alter von drei Jahren kann eine Zunahme von Mitgefühl und prosozialem Verhalten nachgewiesen werden → gradueller Übergang von starker Selbstbezogenheit zu einer empathischen Betroffenheit
  • prosoziale Aktivitäten verringern sich ab einem Alter von ungefähr zwei Jahren → hilfreiches Verhalten wird von da an nicht zu allen Gelegenheiten und nur einigen, nicht allen potentiellen Empfängern gegenüber gezeigt
  • spontane Impulse geraten nach und nach unter die Kontrolle von Regeln → wer, wann, wofür Hilfe verdient → der Kreis der „Berechtigten“ wird eingeschränkt
  • differenzielle Entwicklung → interindividuelle Unterschiede, die im Zeitverlauf relativ stabil sind
  • genetische Einflüsse → biologische Prädisposition zu Mitgefühl und prosozioalem Verhalten mit breitem Raum für Einflüsse seitens der Umwelt
  • Bedeutung der Kultur → Niveau der Hilfeleistung in Kulturen mit überwiegend Großfamilien, großem Beitrag der Frauen zum Familieneinkommen, frühzeitiger Übernahme von Aufgaben der Kinder höher → aber überwiegend auf Familienmitglieder beschränkt
  • familiäre Einflussfaktoren → familiäres Klima, das durch Wärme, Unterstützung und sichere Bindungsmuster gekennzeichnet ist, in dem Eltern prosoziale Modelle darstellen und ihrem Kind vermitteln, dass es ohne Scham traurig / ängstlich sein darf, andere Menschen nicht verletzen darf, fördert die Entwicklung altruistischer Persönlichkeiten
  • Geschlechterunterschiede im Mitgefühl → Mädchen sind im Vergleich zu Jungen mitfühlender
  • beide Geschlechter zeigen unterschiedliche Variablen für förderliche Wirkung für die Entwicklung von Mitgefühl und Tröstebereitschaft → Jungs zeigen mehr Mitgefühl wenn sich Mutter und Erzieherin warm und unterstützend ihnen gegenüber verhalten, bei Mädchen zeigte sich dieses Erziehungsverhalten von Mutter und Erzieherin nur in Wechselwirkung mit Schüchternheit unterstützend auf das Mitgefühl
  • Selbstbehauptung steht in einem positiven Zusammenhang mit Mitgefühl

Helfen in Notsituationen

  • Verantwortungsdiffusion
    • je größer die Anzahl der Zeugen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit des Eingreifens → jeder denkt, der andere greift ein → Verantwortungsdiffusion / bystander-effect
    • Diffusion der Verantwortung lässt sich in unterschiedlichen Umgebungen, bei unterschiedlichen Opfern und unterschiedlichen Helfern nachweisen und scheint nicht auf Notsituationen beschränkt zu sein
    • Eintreten ist dann besonders wahrscheinlich wenn die Zeugen zwar voneinander wissen, aber nicht miteinander kommunizieren (können)
  • pluralistische Ignoranz
    • Passivität als Modell für das Unterlassen von Hilfeleistung → passives Verhalten eines anderen Zeugen wird als Hinweis gedeutet, dass ein Eingreifen nicht nötig / angemessen ist → pluralistische Ignoranz
  • Bewertungsangst
    • Angst vor der Bewertung durch Zeugen kann die Hilfsbereitschaft senken
    • Schritte für oder gegen eine Intervention in einer Notsituation:
    1. das Ereignis bemerken → wer die Notsituation nicht bemerkt, kann nicht helfen
    2. das Ereignis als Notsituation interpretieren → die Konstellation in Gruppen (pluralistische Ignoranz) kann dazu führen dass ein Notfall nicht als solcher eingeschätzt wird
    3. Verantwortung übernehmen → Diffusion der Verantwortung oder die Einschätzung des Opfers als „selbst Schuld“ erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass nicht eingegriffen wird
    4. angemessene Hilfeleistung kennen → bei einem Mangel an Wissen oder Kompetenz wird keine angemessene Hilfeleistung erfolgen
    5. Intervenieren → bleibt unter Umständen aus, wenn die Kosten als zu hoch eingeschätzt werden (z.b. Lebensgefahr für die eigene Person)

Verantwortung und prosoziales Verhalten

  • war eine Situation für das Opfer kontrollierbar, wird es als „selbst Schuld“ angesehen → löst im Beobachter Ärger aus → kann Ausbleiben von Hilfeleistung zur Folge haben
  • Verantwortungsgefühle auf Seiten des potentiellen Helfers stehen in einem positiven Zusammenhang zum prosozialen Verhalten → Norm der sozialen Verantwortung → wird als persönliche Norm zu einer Erwartung an das Selbst und löst moralische Verpflichtungsgefühle aus → positive und konstruktive Seite der Verantwortung
  • entscheidend für das Ausführen einer prosozialen Handlung ist das Gefühl für das Wohlergehen des anderen verantwortlich zu sein
  • Kulturunterschiede im Verantwortungsgefühl

Der Bedingungsrahmen konkreten Handelns: sozialer und personaler Kontext von Antisozialität

Der Bedingungsrahmen konkreten Handelns: sozialer und personaler Kontext von Antisozialität

  • soziologische Ansätze verweisen auf veränderte (soziale) Gegebenheiten, welche bestimmte Vulnerabilitäten verstärken können → erklären aber nicht die individuelle antisoziale Handlung
  • die Stabilität antisozialen Verhaltens
    • Aggressivität als Persönlichkeitsmerkmal verweist auf die Stabilität aggressiven Verhaltens → die über die Zeit und über verschiedene Situationen hinweg bestehende Neigung, schneller (häufiger, leichter) als andere Personen aggressiv zu reagieren
    • Dampfkesselmodell
      • ein sich automatisch aufladendes Potential an aggressiver Energie entlädt sich aufgrund eines Schlüsselreizes oder bei sehr hohem Niveau ohne Reiz unspezifisch
    • Forschungsansätze im Bereich der evolutionären Psychologie
      • Aggressives Verhalten stellt einen Fitnessvorteil gegenüber Konkurrenten
      • setzt voraus dass aggressives Verhalten genetisch vermittelt wird
  • die Ontogenese der Aggression: Entwicklungsbedingungen aggressiven Handelns
    • Lerntheorien
      • operante Konditionierung und Modelllernen
        • die Beobachtung eine aggressiven Modells und dessen Belohnung erhöht die Wahrscheinlichkeit eigenen aggressiven Verhaltens → Nachahmung
      • instrumentelle Konditionierung
        • aggressives Verhalten wird nicht geahndet
        • erhöht die Auftretenswahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens
      • verschiedene Lernerfahrungen im Verlauf des Sozialisationsprozesses im Zusammenspiel mit unterschiedlichen genetischen und physiologischen Bedingungen und differierenden Lernkontexten auf der Meso- und Makroebene lassen die Ausbildung generalisierter Überzeugungen, Bewertungen, Kompetenzen und Ressourcen verstehen
      • das jeweils gezeigte Verhalten zieht soziale und individuelle Konsequenzen nach sich → Teil der Lernerfahrung, nehmen Einfluss auf den Kontext
      • selbstregulativer Aspekt des Lernens ist zu berücksichtigen → Personen suchen aktiv unterschiedliche Lernumwelten auf und interpretieren die erlebten Konsequenzen unterschiedlich
    • Entwicklungsverlaufsformen
      • persistentes antisoziales Verhalten vs. jugendtypische Deliquenz
      • antisoziale Tendenzen, die sich persistent im lebenslauf äußern, sind vor allem im Hinblick auf ihre Kontinuität erklärungsbedürftig
      • jugendtypische Antisozialität → Diskontinuität steht im Zentrum der Erklärungen

Prävention und Intervention

  • bei persistentem antisozialem Verhalten sind präventive Maßnahmen nicht nur erheblich früher anzusetzen, sondern müssen auch deutlich individualisierter und multidimensionaler konzipiert werden
  • Reaktionsspektrum auf antisoziales Verhalten ist sehr groß → reicht von milder Toleranz, fördernde Erziehung, helfende Intervention bis zu harscher Sanktion
  • was gezeigt wird, hängt von den geltenden sozialen Normen, aber auch von den sozial geteilten Vorstellungen über Kriminalitätsursachen und Strafwirkungen ab

Antisoziales Denken, Fühlen und Handeln

Antisoziales Denken, Fühlen und Handeln

  • Antisoziale Verhaltensweisen → Handlungen, die soziale Regeln in nicht tolerabler Weise verletzen
  • Aggressive Verhaltensweisen → Handlungen, die in der Absicht durchgeführt werden, einem anderen zu schaden

die Erklärung von Aggression – ein allgemeines Rahmenmodell

  • zahlreiche Korrelate für Risiko- und Schutzfaktoren delinquenten Verhaltens sind belegt
  • Risikofaktoren = Risikomarker
  • im Kern des Modells steht die aggressive Handlung selbst → besteht aus motivationalen und volitionalen Prozessen und deren Regulierung → antisoziale Handlung
  • Ausgangspunkt des Modells ist eine handlungstheoretische Konzeption bei welcher Verhalten als Handlung aufgefasst wird, der eine Absicht zugrunde liegt
  • Merkmale der Person
    • aktuelle, vorübergehende Zustände (state)
    • situationsübergreifende, relativ stabile Dispositionen (trait)
    Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen der Eigenschaften → Unterschied zwischen Ontogenese und Aktualgenese
  • auch die Situation in der antisozial gehandelt wurde spielt eine bedeutsame Rolle bei der Erklärung → mehrere Ebenen:
    • akute von der Person selbst erlebte Situation
    • soziale Situation
    • soziokulturelle Situation
    • Historische Kontexte

die aktualgenetische Erklärung antisozialen Handelns: Person und Situation

  • intrapersonale Prozesse der Verhaltenssteuerung: soziale Kognitionen und Reaktionen
    • Frustrations-Aggressions-Hypothese
      • nimmt auf Freuds duale Instinkttheorie Bezug
      • die Blockierung von Zielen führt zu Frustration, welche die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens erhöht
      • ob eine aggressive Reaktion erfolgt, hängt von zusätzlichen Faktoren in der Person oder der Umwelt ab
      • hemmende Faktoren → z.b. Angst vor der Bestrafung offener Aggression
      • aggressive Hinweisreize erhöhen die Auftretenswahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens
    • kognitiv-neoassoziationistisches Modell
      • allgemeines Modell des Zusammenhangs zwischen negativem Affekt und aggressivem Verhalten
      • Frustration als negative affektive Erregung ist nur eine von mehreren möglichen Reizbedingungen
      • andere Stimuli wie Lärm, Schmerz oder Enge können in gleicher Weise wirksam werden
      • nach einem auf ein aversives Ereignis folgenden schnellen und automatisierten ersten Bewertungsprozess verfestigt sich in einem zweiten stärker elaborierten und kontrollierten Bewertungsschritt der zunächst unspezifische emotionale Zustand als Ärger oder Furcht, der in Abhängigkeit von Lernerfahrungen und dem Kontext für den weiteren Verlauf des Bewertungsprozesses leitend ist
      • aggressive Hinweisreize fungieren unabhängig von vorher bestehendem Ärger und bahnen die Auswahl aggressiver Reaktionsmöglichkeiten im Zuge einer allgemeinen Aktivierung (Priming) aggressionsbezogener Schemata
    • aggressive Skripts
      • kognitive Repräsentationen über Form und Zeitpunkt / Kontext aggressiven Verhaltens
      • Skripts sind die Basis des Sozialverhaltens im Allgemeinen und aggressiven Verhaltens im Speziellen
      • durch wiederholtes gleichartiges Reagieren auf denselben Stimulus entwickelt sich allmählich eine generalisierte kognitive Repräsentation, welche den Stimulus eng mit der entsprechenden Situation verknüpft
      • tritt der Stimulus erneut auf, aktiviert dieser mit zunehmender Wahrscheinlichkeit das zugehörige Skript → die gespeicherten Verhaltensweisen werden ausgeführt
      • Skripts enthalten nicht nur konkrete Verhaltensanweisungen, sondern auch verschiedene Variationen und Informationen darüber wann ein aggressives Verhalten angemessen ist (normative Überzeugungen)
    • general agression Model / allgemeines Aggressionsmodell
      • fasst die unterschiedlichen Elemente zu einem integrierten Modell zusammen
      • komplexer Verarbeitungprozess auslösender Variablen (Input) und daraus resultierendes aggressives Verhalten (Output) als Zusammenspiel zwischen verfügbaren Kognitionen, Affekten und Erregung und einem darauf folgenden Bewertungsprozess systematisiert
      • vorausgehende Lernerfahrungen und Bedingungen werden vorausgesetzt oder als Festigung der kognitiven Repräsentationen durch wiederholtes Durchlaufen der Bewertungsschleife formuliert
      • liefert eine anschauliche Beschreibung und Systematik der aktualgenetischen affektiven und kognitiven Prozesse und bietet Ansatzpunkte für die Suche nach vorauslaufenden Bedingungen aggressiven Handelns
  • die Macht der Situation
    • erst in Interaktion mit intrapersonalen Prozessen werden Situationsmerkmale wirksam
    • aggressionssteigernde Wirkung von Alkohol entsteht aus einem Zusammenspiel physiologischer und psychologischer Faktoren → selbst in moderaten Mengen
    • Belege für den Einfluss hoher Temperaturen → Einfluss nur zur Nachtzeit, nicht zur Tagzeit
    • Enge, Lärm und Schmerzen haben Einfluss auf Aggressionsverhalten
    • Faktoren nicht als Haupteffekte, sondern haben verstärkenden / intensivierenden Einfluss → können durch kognitive Prozesse auch unterdrückt oder modifiziert werden
    • Stanford-Gefangenen-Experiment
      • zeigt die Stärke des Situationseinflusses in unbekannten Situationen
      • Hinweis darauf dass aggressives Verhalten unter bestimmten Bedingungen angeregt werden kann